KABAWIL e.V.

Rhythm is it – wenn die Füße hungrig sind

Das Tanzprojekt „hungryfeet” feiert im Juni Premiere. Ein neues Stück mit hunderten Schülern und den Düsseldorfer Symphonikern ist schon in Planung.

Unruhig greift Petra Kron zum Handy. Zum werweißwievielten Mal wählt sie die Nummer eines Tänzers. „Mist, zwei unserer besten Jungen fehlen noch”. An diesem Tag wird sie wohl auf sie verzichten müssen. Ausgerechnet. Doch noch bevor ihr Ärger wachsen kann, tönt es vom Flur: „Er kommt, er kommt”.
Dieser Abend ist ein ganz besonderer. Heute werden die rund dreißig Jugendlichen von Royston Maldoom unterrichtet. Der 62 Jahre alte Tänzer und Choreograph wird seit dem Film „Rhythm is it” vor allem von Sozialarbeitern, Lehrern und Tanzpädagogen verehrt. Denn Maldoom vermag widerspenstige Jugendliche fürs Leben zu gewinnen, indem er mit ihnen tanzt. Sein bislang größtes Projekt war die Kinofilm-Dokumentation mit den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Sir Simon Rattle. Zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps” erarbeiteten Choreograph, Musiker und Dirigent ein Tanzstück mit hunderten Berliner Jugendlichen.
„Okay!”, ruft Maldoom und klatscht in die Hände. „Find a partner”. Kaum dass er den Tanzraum betreten und Petra Kron begrüßt hat, legt er los. Für die nächsten eineinhalb Stunden gilt seine Aufmerksamkeit ausschließlich den jungen Tänzern. Kichernd folgen sie Maldooms Ansagen: Einer setzt sich auf den Boden, der andere schiebt oder zieht. „Laßt euch nicht von der Stelle bewegen. Die Hindernisse sind nur in eurem Kopf. Es hat nichts damit zu tun, ob ihr ein Junge oder Mädchen seid”.
Petra Kron übersetzt Maldooms Willensbeschwörung. „Kämpft nicht gegen den Boden, konzentriert euch, bleibt, wo ihr seid”. Die Tanzpädagogin hat jahrelang beim Rather Modell mit Schulschwänzern gearbeitet. „Dann habe ich erfahren, dass Othello mit Lernbehinderten arbeitet. Da dachte ich, wir könnten etwas gemeinsames machen und habe ihn angerufen”.
Othello Johns und Petra Kron sind ausgebildete Tänzer. beide glauben fest daran, dass mit Hilfe von Kultur Berge versetzen kann. Lange bevor sie sich kannten, engagierten sie sich für junge Menschen, die noch unsicher im Leben stehen. Im Jahr 2003 gründeten sie den gemeinnützigen Verein „Kabawil”. Seither bemühen sie sich, sprunghaften Jugendlichen ein Gespür für sich selbst und die Welt zurückzugeben. „Manche haben sich ganz wunderbar ”, erzält Petra Kron. „Mit einem Jungen haben wir zwei Jahre gearbeitet und er hat endlich das Grab seiner Mutter besucht”. Jahrelang hatte er ihren Tod ignoriert.

„Ihr sollt euch nicht am Po kratzen”
Das bisher größte Projekt von Kabawil ist „hungryfeet.de” (hungrige Füße), an dem 30 Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren und mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen teilnehmen. Sie trainieren an acht Tagen im Monat Salsa, klassisches Ballett und Breakdance, haben Rhythmus-, Schauspiel- und Sprechunterricht und besuchen die Oper. Den Probenraum auf dem Gelände des Güterbahnhofs Derendorf halten sie gemeinsam in Ordnung. „Die Jugendlichen sollen begreifen, daß es noch etwas anderes gibt, als ihren Alltag”, sagt Petra Kron. Die Arbeit erfordert einen hohen Betreuungsaufwand. Wer sich mehrfach nicht an Abmachungen hält, muss die Gruppe verlassen. Das ist seit dem Start von „hungryfeet.de” im Juli 2004 nur einige wenige Male vorgekommen. ”Das Tanzen erfordert eine große Anpassungsleistung. Ein Minimum an Selbstdisziplin muss vorhanden sein”, sagt Kron.
„Nein, das war nicht meine Choreographie”, ruft Royston Maldoom. Er ist von der tänzerischen Abfolge nicht begeistert. „Ihr sollt euch nicht am Po oder am Kopf kratzen. Ihr müsst eure Bewegungen kontrollieren, konzentriert euch auf das, was ihr machen wollt. Dann habt ihr auch das Publikum im Griff”. Ein deutlicher Ratschlag auch fürs Leben. Die Jugendlichen murren. „Wann können wir denn endlich was von uns zeigen?” Doch der Engländer ist erst nach dem dritten Versuch zufrieden. „Ja, das ist es! Sehr gut”. Fast zwei Stunden hat er Unmengen an Energie durch den Tanzraum dirigiert. Jetzt will er sehen, was die Kinder zu bieten haben. „Zeigt es mir, beeindruckt mich”. Und das tun sie.
Am 20. Juni feiert das Tanzstück im Kinder- und Jugendtheater Premiere. Außerdem ist ein Dokumentationsfilm über „hungryfeet.de” in Vorbereitung. Im Anschluß werden Petra Kron und Othello die Jugendlichen in ihr altes Leben zurück entlassen, das diese, so die Hoffnung, mit neuem Selbstbewußtsein meistern werden. Einige wenige haben vielleicht das Glück, ein Stipendium zu ergattern.
Kron und Othello beginnen noch in diesem Jahr ein neues Projekt. Zusammen mit den Düsseldorfer Symphonikern planen sie ein großes Musik- und Tanzstück, bei dem alle Schulen und Jugendclubs aus dem Düsseldorfer Süden mitwirken werden. Im September beginnen die ersten Vorbereitungskurse.
Sema Kouschkerian, WZ Düsseldorf, 1. Juni 2005

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