KABAWIL e.V.

Mit HipHop auf die Beine kommen

Streetdance-Projekt Kabawil – Jugendliche mit Kulturarbeit fördern
Der 12-jährige Kevin liegt vor der verspiegelten Wand des Tanzstudios. Er betrachtet seinen schmalen Körper als sähe er ihn zum ersten Mal, dann dehnt er seine Beinmuskeln, streckt sich, steht auf. Er läuft langsam durch den großen Raum, der ohne Tänzer noch größer wirkt, und er wird nervös, denn er ist im Moment noch der einzige anwesende Tänzer seiner Gruppe. Seit zwanzig Minuten müßten mindestens 10-15 Kids das Tanzstudio füllen. Kevin will Schauspieler werden, aber vom Tanzen hat er schon immer geträumt. Er ist stolz darauf, im Rahmen einer Audition zu Kabawil gekommen zu sein.

Kabawil, im Sommer 2003 gegründet von dem Choreographen und Tänzer Othello Johns aus Louisiana und der Lehrerin und Kulturpädagogin Petra Kron, will keine Superstars à la RTL aufbauen, sondern Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren eigene Wege zur Kultur eröffnen. Ihr neuestes Projekt heißt „hungryfeet”.
„Jugendliche haben einen wahnsinnigen Hunger nach Liebe, Erfolg, Anerkennung, nach Reichtum”, erklärt Petra Kron den Namen des Projektes. „Es ist wie bei einem Pferderennen. Sie stehen an Start. scharren mit den Hufen und wollen endlich loslaufen, aber sie sind irgendwie immer noch festgebunden. Die Unruhe, die dadurch bei Ihnen entsteht, wollen wir freisetzen und kanalisieren”.

Kinder und Jugendliche mit individuellen Beeinträchtigungen sind die Zielgruppe von Kabawil, sie sollen in die Gesellschaft integriert werden. Wie die zehnjährige magersüchtige Jasmin (Namen von der Redaktion geändert), die zu schwach war, um die Figuren des Tanzprojektes ausführen zu können. „Nach einem halben Jahr”, so Othello Johns stolz, „hatte sie fünf Kilo zugenommen”. Oder wie der hyperaktive Kevin, der aus der Regelschule geflogen ist, immer nur reglementiert und hier bei Kabawil endlich einmal gelobt wurde, weil er ein begabter Tänzer ist. Sebastian war nach dem Selbstmord seiner Mutter abwesend, hatte sich nicht mehr bewegt, war nur noch bekifft. Ein Jahr, nachdem er bei Kabawil mitgemacht hatte, besuchte er erstmals das Grab seiner Mutter.
Kabawil ist mehr als gemeinsam tanzen, der Ansatz lautet: „beziehungsorientierte Kulturarbeit”. Petra Kron und Othello Johns bauen Beziehungen zu ihren Jugendlichen auf, indem sie mit ihnen arbeiten, gemeinsam kochen und essen, gemeinsam ins Kino oder Theater gehen oder auch mal nach Holland fahren.

Bei unserem Projekt lernen die Kids nicht nur tanzen, sondern eine Reihe von Schlüsselqualifikationen: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Disziplin. Sie lernen, mit Menschen umzugehen und Konflikte zu bewältigen. Sie erfahren eine bessere Selbsteinschätzung ihrer Person und lernen, daß Lernen ein Prozess ist. Sie stellen fest, daß es für die Erarbeitung eines Stückes nicht reicht, sich ein paarmal zu treffen und zu tanzen. Dafür muß die Gruppe zusammenwachsen”. Petra Kron weiß, daß dieser Prozess gerade erst begonnen hat. Nich ist die Teilnahme am Training im selbst renovierten Tanzstudio nicht selbstverständlich. „Wo ist Angie?” hakt sie per Handy nach, weil sich außer Kevin bisher nur die zwölfjährige Joeline im Tanzstudio eingefunden hat. „Ich habe doch gestern mit ihr gesprochen, und sie hat gesagt, dass sie kommt”, erklärt sie nervös. Aber Angie wird heute nicht kommen, sie ist noch gar nicht von der Schule nach Hause gekommen. Bis sie zu Hause ist und gegessen hat, wird das Training beendet sein. „Wer zu uns kommt, muss nicht perfekt sein”, sagt Petra Kron. „Wir können uns alle weiterentwickeln, wenn wir das wollen und müssen. Wir müssen aber lernen, um Hilfe zu bitten”.

Einmal im Monat treffen sie sich zu einem Intensiv-Wochenende, in den Herbstferien trainierten sie sieben Tage hintereinander jeden Tag. Im Dezember soll eine erste größere Aufführung zeigen, was die Kids können. Hungryfeet soll nur ein Projekt von vielen weiteren sein, eine feste Tanzcompany hat Petra Kron als Ziel bereits vor Augen. Wenn die Kids dabei bleiben und der Mietvertrag für ihr Tanzstudio über ein jahr hinaus verlängert wird, dann soll eine kleine Tournee das Projekt Hungryfeet über die Düsseldorfer Stadtgrenze hinaus bekannt machen.

Mit HipHop, der Musik der Jugendlichen, lockern Petra Kron und Othello Johns die ekitäre Düsseldorfer Kulturszene von unten auf. Das ist nicht alen städtischen Stellen und Mitarbeitern immer willkommenm viele sind noch skeptisch, denn man wisse ja nicht, was nachher dabei herauskommt, hört Petra Kron immer wieder. Gleichzeitig interessieren sich immer weniger Jugendliche für Kultur, dagegen wendet sie sich mit ihrer Arbeit. „Wie sehen uns als kulturfördernd, bringen Jugendlichen auch die sogenannte ‘Hochkultur nahe’, sagt sie nicht ohne Stolz. Das Kinder- und Jugendtheater hat die Patenschaft für Kabawil und das Projekt Hungryfeet übernommen, das Tanzhaus NRW stellt Studiobühnen für Proben zur Verfügung – eine notwendige Unterstützung. Und so wünscht man dem projekt als Ergebnis, daß die Jugendlichen nicht mehr festgebunden am Start stehen, sondern losrennen und uns alle an ihrem großen Potential teilhaben lassen.
Tina Lorscheidt, Libelle, November 2004

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