KABAWIL e.V.

Hip-Hop als Heimat

„Die dunkle Seite der Sonne“ – ein mitreißendes Projekt im Düsseldorfer Kinder- und Jugendtheater

Von den drei Premieren, mit denen das Kinder- und Jugendtheater des Düsseldorfer Schauspielhauses im Mai seinen 30. Geburtstag feierte, war „Die dunkel Seite der Sonne“ die am stürmischsten bejubelte. Was kein Wunder ist: Das Stück bietet viel energiegeladenen Hip-Hop-Tanz, dargeboten von einer bunten Truppe Jugendlicher („Flying Feet“), die sehr authentisch rüberkommt, und das Publikum im rappelvollen Haus an der Münsterstraße war auch genau das richtige: ganz überwiegend ebenfalls Jugendliche. Sie konnten sich identifizieren, sie feuerten ihre gleichaltrigen Helden an, es waren ihr Rhythmus, ihr Lebensgefühl, die hier pulsierten.

Eine Art Wunder ist es aber, dass dieses Theaterprojekt tatsächlich glückte, in der knappen Frost, die dafür gesetzt war, dass die beteiligten Profis und Amateure miteinander klarkamen, dass so viele Jugendliche – die meisten Schülerinnen und Schüler aus Düsseldorf und Umgebung – im anstrengenden, viel Disziplin verlangenden Probenprozess durchhielten. „Die dunkle Seite der Sonne“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Kinder- und Jugendtheater einerseits, dem Verein Kabawil e.V. andererseits. Letzterer wurde vor drei Jahren von dem Tänzer und Choreographen Othello Johns, der Kulturpädagogin Petra Kron und einigen Gleichgesinnten mit dem Ziel gegründet, benachteiligten Kindern und Jugendlichen im Rahmen kreativer Gemeinschaftsprojekte neue Entwicklungschancen zu geben – ein Konzept, das bereits in der ersten großen Produktion „hungryfeet.de“ beachtliche Früchte trug. „Die dunkle Seite der Sonne“ stellte für die jungen Akteure – 40 waren es zu Beginn, 22 blieben dabei – zweifellos eine noch größere Herausforderung dar. Da schrieben sie in eigener Werkstatt mit Manuel Schöbel, dem Autor des Stücks, eigene Texte über ihr Leben, ihre Herkunft, ihre Probleme (sie sind in die Inszenierung eingebaut). Da studierte Othello Johns mit ihnen anspruchsvolle Choreographien ein. Da gab es Schauspielproben, Stimmtraining, japanisches Trommeln und manches mehr. Und das alles neben der Schule, nachmittags, an den Wochenenden, in den Osterferien.

Regisseur Renat Safiullin soll manche schlaflose Nacht durchlitten haben. Und doch griffen dann bei der Premiere alle Rädchen des komplexen Ganzen augenscheinlich gut ineinander. Die Jugendlichen eröffnen das Stück mit einem selbstbewußten Sprechchor, sie spielen eine Straßengang, hinter der die Polizei her ist, sie erzählen von ihren persönlichen Schicksalen, skandieren einige Grundrechts-Paragraphen, dass die Wände wackeln, und vor allem tanzen sie, immer ausgiebiger, temperamentvoller, wagemutiger.

Bastian Sierich vom Kinder- und Jugendtheater spielt, in prägnanter Darstellung, einen Obdachlosen, der sich mit den jungen Herumtreibern verbunden fühlt, auch wenn er von ihnen einmal übel Dresche bezieht, und entpuppt sich im übrigen selbst als starker Tänzer. Leonie Schubert ist die gestrenge Polizistin, die die Gang schnappen will. Bis endlich auch ihr Diensteifer in der allgemeinen Tanzbegeisterung auf- und untergeht.
Olaf Cless, Düsseldorfer Hefte, Juni 2006

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