KABAWIL e.V.

Die Kinder mit den fliegenden Füßen

Alle reden über schwierige Hauptschüler, benachteiligte Zuwandererkids, fehlende Integration. Der Verein Kabawil e.V. in Düsseldorf zeigt, wie es anders geht: Er fordert und fördert Jugendliche im Rahmen spannender, professionell betreuter Tanztheaterprojekte, verschafft ihnen Gemeinschaftserlebnisse, läßt sie ihre individuellen Möglichkeiten entdecken. Ab 20. Mai stellt sich die bunte Truppe „Flying Feet” in einer Koproduktion mit dem Kinder- und Jugendtheater der Öffentlichkeit vor.

Kunstnebel wabert über die Bühne des Düsseldorfer Kulturzentrums zakk, Musik erklingt, das Spektakel kann beginnen. Aufmarsch zweier Security-Männer, dargestellt von Herren im besten Großvateralter. Wie die eingespielte Geräuschkulisse verrät, befinden wir uns in einer U-Bahn-Station. – Schubweise treffen Menschen ein, steigen aus den imaginären Wagen, fangen an zu tanzen: Ältere Damen, eine dynamische Putzkolonne, aufgekratzte Girlies, waschechte HipHopper mit tiefergehängten Hosen. Schlag auf Schlag wechseln die Formationen und Musiktitel. Plötzlich ein klassischer Walzer: Vier Halbwüchsige drehen artig – darf ich bitte? – ihre Kreise mit der reiferen Damenwelt. Dann zieht das Tempo an, die Rhythmen werden härter, der Jugend gehört jetzt ganz die Bühne, Jungs und Mädels zeigen, was sie streetdance-mäßig drauf haben. Kreischen, Johlen, Pfeifen aus dem Publikum. Das ist die Fanszene der Gleichaltrigen. Die Älteren im Saal klatschen mit und denken: Himmel, was für eine unbändige Lebensenergie!

Es begann mit einem Projekt für Schulverweigerer
Was hier gerade präsentiert wird, sind Ausschnitte aus dem generationenübergreifenden Tanztheaterprojekt “Geht doch!”, das im vergangenen Jahr herauskam und unter anderem auf der Seniorenmesse Vitaktiv in Essen Furore machte. Hinter “Gehr doch!” steht als treibende Kraft der gemeinnützige Kabawil e.V., der vor bald drei Jahren in Düsseldorf gegründet wurde und seither eine staunenswerte Kulturarbeit mit Kindern und Jugendlichen entfaltet, hauptsächlich solchen aus schwierigen familiären und sozialen Verhältnissen. Der Kabawil ist ein symbolträchtiger Vogel aus der Maya-Mythologie, und dazu paßt, daß die Hauptarbeit im Verein – ohne die der anderen Beteiligten schmälern zu wollen – von zwei Personen geleistet wird, nämlich dem Tänzer, Pädagogen und Choreographen Othello Johns und der Kulturpädagogin Petra Kron. In einem Schulschwänzer-Projekt sammelten beide erste positive Erfahrungen mit ganzheitlicher Tanz- und Körperarbeit. “Die Jugendlichen, darunter etwa eine Magersüchtige, entwickelten sich hervorragend”, erzählt Petra Kron. Othello Johns, vor zehn Jahren aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gekommen, war bald überzeugt, daß diese Arbeit viel größer aufgezogen werden sollte. Und so gründete man mit einer kleinen kompetenten Schar Gleichgesinnter den Verein, ging auf Sponsorensuche, stellte Förderanträge, baute ein Netzwerk von Helfern auf. “hungryfeet.de” hieß das erste große Tanztheaterprojekt. 40 Jugendliche, darunter viele mit Migrationshintergrund, bestanden das casting, manche sprangen, als es ernst wurde, wieder ab, ein zweites Casting füllte die Lücken. Das Stück entstand als “work in progress”, aus den Ideen und Geschichten der jungen Teilnehmer selbst. Es spielt an vier Tagen, von Freitag bis Montags, an denen sich verschiedene Schicksale kreuzen.

Ikarus läßt grüßen: Das “Flying Feet” Projekt
Auch aus “hungryfeet.de” bekommen die zakk-Besucher an jenem letzten Sonntagabend im März, mit dem der Kabawil e.V. um Untertsützung wirbt, eine größere Kostprobe geboten: Verdächtiges nächtliches Treiben auf einem Autohof, Versteckspiele, Tänze, Auftritt zweier rotziger Punkladies, wilde HipHop-Einlagen, eine (pantomimische) Autofahrt endet für einige Beteiligte im Himmel, wo ein schwarzhäutiger Engel mit weißen Flügelchen sie in Empfang nimmt.”Zugabe!” ruft das Publikum, und die bekommt es auch, in Form einer ausgelassenen HipHop-Session bzw. “Battle”, wo jede und jeder mal in den Ring tritt und zeigt, was sie oder er drauf hat an Tempo und Temperament, an Schritten, Sprüngen, tausend Tricks. Als irgendwann Schluß ist, hat man den Eindruck: Sie hätten noch stundenlang so weitertoben können.
Eine knappe Woche später, das Erfolgserlebnis und der Adrenalinschub im Scheinwerferlicht sind längst vorbei, der Alltag hat die Jugendlichen, hat den Kabawil e.V. wieder: Im Studio auf dem alten Derendorfer Güterbahnhofsgelände wird an diesem Samstagvormittag bereits fleißig trainiert. Vor rund zwei Jahren zog Kabawil hier ein, wo zuvor ein Fitnessclub logiert hatte. Die geräumige, helle Etage im zweiten Stock ist für die Kinder und Jugendlichen längst zu einem Zuhause geworden. Als wir durch die rote Stahltür eintreten, stehen gerade etwa zwanzig ernst blickende Jungen und Mädchen in einer Reihe nebeneinander. “Und jetzt allmählich grinsen” ruft eine Stimme. Die Gesichter hellen sich auf, die Mundwinkel zucken. “Und jetzt richtig lachen”. Die Truppe prustet los, Lachen wirkt ansteckend. Die Stimme, die die Anweisungen gibt, gehört Renat Safiullin. Der aus dem ural stammende Regisseur inszeniert für das Kinder- und Jugendtheater des Düsseldorfer Schauspielhauses das Stück “Die dunkle Seite der Sonne”, bei dem eine größere Gruppe von Jugendlichen aus dem Umkreis von Kabawil, die trägt den Namen “Flying Feet”, mitspielt und tanzt. Die Premiere dieser modernen Bearbeitung der Ikarus-Thematik (Autor: Manuel Schöbel) soll schon am 20. Mai stattfinden, allzu viel zeit bleibt da nicht, der Probenbetrieb läuft auf Hochtouren. Auch die Profischauspieler Bastian Sierich und Leonie Schubert vom Kinder- und Jugendtheater sind bei der heutigen Ensembleprobe dabe. “Es war ein Morgen wie jeder andere”, beginnt Sierich mit kräftiger Stimme zu deklamieren, “ich saß auf dem Lüftungsschacht vor dem Einkaufszentrum”. Sierich spielt im Stück einen Obdachlosen, der zwischen die Fronten einer Jugendgang und der Polizei gerät. Leonie Schubert stellt eine Polizistin dar.

Ein Penner, eine Polizistin, eine Gang
Safiullin baut jetzt mit dem kombinierten Profi- und Laien-Team die ersten Szenen auf. Ein paar Jugendliche spielen Ladenbesitzer im Hintergrund, andere die Gang, wieder andere das Greifkommando der Polizei. Die Polizisten treiben den jungen “Ikarus” in die Enge und schnappen ihn. “Wie ihr ihn verprügelt, das proben wir später”, sagt Safiullin. Der Junge liegt jetzt am Boden, wird abgetastet und an den Füßen weggeschleift, nur seine Kappe bleibt einsam zurück. Das Probieren, Festlegen, mehrfache Wiederholen der Abläufe zieht sich hin, Safiullin legt sich ins Zeug, versucht die jungen Akteure (die viel lieber tanzen als schauspielern) bei Laune zu halten, sagt zu ihnen: “Es ist jetzt etwas ermüdend, aber wenn ihr erst mal richtig zum Spielen kommt werdet ihr sehen, wie viel Spaß das macht!”
Mittagszeit, wohlverdiente kurze Pause für alle. Petra Kron hat inzwischen Berge von Obst und Gemüserohkoste mundgerecht geschnibbelt und auf die Küchentheke gestellt. Max, den sie vorhin an den Füßen wegschleiften, übt abseits auf der Turnmatte eine akrobatische HipHop-Kreiselnummer. Allerdings hat der Regisseur noch ein ernstes Wort mit dem 13-Jährigen zu reden: Darüber, daß er den heutigen 10-Uhr-Probentermin glatt verschlafen hat. Dass so etwas nicht geht. Auch im späteren Leben nicht. Daß er sich unbedingt Pünktlichkeit angwöhnen muß. Die Bahn aus Wuppertal hatte Verspätun? “Das ist kein Grund”, sagt Safiullin, “die kommt immer zu spät”. Max wird kleinlaut, verspricht Besserung. Die Lektion war deutlich.

Im Sommer geht es nach Amsterdam
“Bei uns lernen die Jugendlichen nicht nur kulturelle Techniken”, sagt Petra Kron, “sondern auch Basis-Lebensfähigkeiten, zum Beispiele eben pünktlich sein”. Im Trainingsstudio gibt es Spül-, Putz- und andere Dienste für alle. Die Großen übernehmen als Junior-Trainer Verantwortung für die Kleineren. Die Osterferien werden für alle sehr arbeitsreich: Die komplette “Flying Feet”-Truppe fährt samt Partnern vom Kinder- und Jugendtheater zu einem Trainingsaufenthalt in den Hunsrück. Da wird dann verschärft geprobt: die Tänze, die Szenen, der Gesang. Othello Johns fordert von jedem fünf eigene “Achten” zu entwickeln, das heißt genau festgelegte 8-taktige Solo-Schrittfolgen, die dann alle ins Stück eingebaut werden – eine Aufgabe, die im Gegensatz zum spontanen Freestyle-Tanz viel Disziplin erfordert. Gesungen wird zum Teil dreistimmig. Steffi, die sich früher wenig zutraute, wird ein eigenes Lied beisteuern. Regisseur Safiullin drängt sie, es ebdlich fertig zu schreiben. “Er muß Geduld lernen”, meint Petra Kron, die ihre jungen Pappenheimer besser kennt, “wir gehend da gelassener ran”. Was nicht heißt, daß sie keine klaren Forderungen an die Kids stellte. Im Gegenteil, in der Arbeitsteilung, die sich zwischen ihr und Othello Johns – dem charismatischen Schwarzen, auf den alle voll abfahren – herausgebildet hat, sei sie sogar eher “der böse Cop”, sagt sie lachend. Ohne eine gewisse Härte geht es eben nicht. “Eine tägliche Gratwanderung zwischen Distanz und Nähe” ist hier nötig. Da ist zum Beispiel dieses übergewichtige Mädchen aus einer zerrissenen kongolesischen Familie: Gerade war sie vom Schulunterricht ausgeschlossen, weil sie den rektor beschimpft hat. Petra Kron ist selbst oft genervt von der 16-Jährigen und ihren Launen. Aber sie sagt auch: “Wir sind das Einzige, was ihr Halt gibt”.
Arbeits- und erlebnisreiche Wochen und Monate stehen den “Flying Feet” und ihren Betreuern bevor: Nach der Premiere – toi toi toi! – und einer Reihe von Anschlußvorstellungen im Kinder- und Jugendtheater nimmt die Truppe zu Beginn der Sommerferien am Kinderkultursommer in Köln teil, u.a. auch mit einem Workshop von Kids für Kids, danach ist sie zu Gast bei einem Amsterdamer Vorstadttheater, das intensive Migrantenarbeit betreibt. Auch die Einladung des NRW-Ministers für Generationen, Familie, Frauen und Integration, Armin Laschet, für ein Fest im August liegt vor. In ihren Ideen und Plänen sind Petra Kron und ihre Mitstreiter wie immer schon weiter voraus. Zum Beispiel bei einem ungewöhnlichen Schostakowitsch-Projekt: Zur Musik des russischen Komponisten werden Ballett-Tänzer aus Sankt Petersburg zusammen mit den HipHop-Kids vom Rhein auf der Tonhallen-Bühne agieren.
Olaf Cless, fiftyfifty, Mai 2006

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